Von Stress, Übermüdung, Dankbarkeit und „Schweine-Menschen“ – ein Erlebnisbericht der Oktober-Hilfstour von Gerhard Jalowski

Hilfstransport Greiz – Brest vom 15. – 22.10.2016

Die Mannschaft mit ihren Fahrzeugen des Hilfstransports für Brest/Weißrussland ist zurück. Wohlbehalten und gesund, das ist wohl das Wichtigste. Doch auch reich an neuen Erfahrungen, zumeist aber negativer Art.

Hat das Department für humanitäre Tätigkeiten beim Präsidenten der Republik Belarus in Minsk nach Zurückweisung unseres Transports vom Januar 2016 (siehe Enttäuscht, resigniert, müde, wütend und erfroren – Ein Erlebnisbericht vom Scheitern unseres Wintertransports im Januar 2016) sich entschuldigt und versichert, die Hilfe aus Greiz sei enorm wichtig und auch zukünftig willkommen, so war von diesem Willkommensein nichts zu spüren. Im Gegenteil, wir hatten den Eindruck, nicht nur unwillkommen zu sein, sondern dass man nach Gründen suchte, die Einreise unmöglich zu machen. Man suchte nach Dingen in den Begleitpapieren, nach Unerlaubtem in der Ladung, nach irgendwelchen Mängeln und unterstellte uns kriminelle Energie. Wir wurden an den 72 Abfertigungsschaltern im Terminal von Brest hin und her geschickt, wir begriffen oft nicht, was man wollte, bis letztlich ein Beamter seinen Stempel unter die Begleitpapiere drückte. Und von diesen Stempeln brauchten wir acht. Es wurden alle Fahrzeuge geröntgt, die Auswertung des Röntgenbildes entschied über den weiteren Verfahrensweg. Fünf unerklärliche schwarze Punkte waren zu sehen, und wir konnten die Frage „Sto eto?“ – Was ist das? – nicht beantworten.

Das hatte nicht nur weitere 12 Stunden Nervenkrieg zur Folge, sondern die Aufforderung „Konvoi“! Was bedeutet, dass wir unter Polizeibegleitung von der Grenze zum hochgesicherten Stadtzoll-Gelände in Brest eskortiert wurden. Dort sollten wir unsere Fahrzeuge abstellen, um am nächsten Tag die gesamte Ladung (also sämtliche 20 t Hilfsgüter!) aus- und wieder aufladen zu müssen. Der beaufsichtigende Offizier bekam zum Schluss den Befehl, alle Pakete und Säcke aufzuschlitzen und mit den Hand abzufühlen.

Wir waren den Wuttränen nahe. Wir sahen die liebevoll von Greizer Paten eingepackten Dinge, wir mussten erleben, wie die von unserem Vereinschef Uli Jetschke mit enormem Aufwand logistisch perfekt verstauten Huilfsgüter nun verstreut auf Paletten auf dem Gelände des Stadtzoll-Terminals lagen. Übrigens hatte man uns angeboten, das Aus- und Abladen selbst zu übernehmen, doch wollte man diese Leistung bezahlt haben.

So haben wir in 12 Stunden, bei zugigem kaltem Wind, 20 Tonnen Hilfsgüter ab- und wieder aufgeladen. Die schwarzen Punkte auf den Röntgenbildern, der Anlass für diese drakonische Vorgehensweise des weißrussischen Zolls, erwiesen sich als eine Naumann-Schranknähmaschine, eine Tischnähmaschine, zwei Elektroherde und eine Waschmaschine…

Nach 17 Stunden Fahrt und einem Tag Aufenthalt im Stadtzoll konnten wir am nächsten Morgen endlich in das Lager unserer Freunde vom weißrussischen Partnerverein fahren, wo die Greizer Hilfsgüter nun endgültig entladen wurden.

Es blieb nur noch wenig Zeit für Besuche, die Visa waren zeitlich begrenzt. Doch zwei wichtige Besuche konnten wir verwirklichen, bei der mehrfach behinderten Anna Kasparowitsch, die dringend unserer Hilfe bedarf, und bei der Selbsthilfegruppe in Kobryn.

Die Schwierigkeiten der Heimreise ähnelte denen der Hinreise. Kontrollen der Gastgeschenke – „Wo ist Ladeliste? Wo ist die Deklaration? Was ist drin?“ Wir mussten selbst liebevoll gepackte Pakete aufschneiden. „Wem gehört der LKW? Wem gehört der Hänger, warum haben die Ladebrücken kein Typenschild und keine Registriernummer?“ Es schlossen sich das Röntgen des leeren LKW und des leeren PKW-Hängers an. Uli muss mit dem LKW zurück nach Brest zum Stadtzoll, dieser soll für die Gastgeschenke eine Deklaration ausstellen. Es ist Donnerstag, der 20.10., 20 Uhr und um Mitternacht laufen die Visa ab! Nach eindringlichen Hilfetelefonaten unserer Freunde vor Ort entspannt sich die Situation und auch der LKW-Zug passiert gegen 1 Uhr nachts schließlich die Grenze nach Polen.

Ein weißrussischer Freund – traditionell erscheinen zu unserer Verabschiedung viele dankbare Menschen – sagte in gebrochenem Deutsch zu mir: „Ich wünsche Euch eine gute Fahrt und keine Schweine-Menschen an der Grenze!“ Die gute Fahrt hatten wir, nur dieser Menschentyp war da und kostete uns viele Stunden und Nerven.

Alles in allem: Der Transport und die Hilfe kamen an, wir durften in viele dankbare Augen schauen – von Menschen, die in ihrem Land in zunehmender Not und Armut leben. Diesen Dank möchten wir an alle Unterstützer und Sponsoren weitergeben, wir waren „nur“ die Transporteure.

Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.