Enttäuscht, resigniert, müde, wütend und erfroren – Ein Erlebnisbericht vom Scheitern unseres Wintertransports im Januar 2016

Am 3. Januar 2016 starteten wir – gemeinsam in Greiz und Beiersdorf – unsere Wintertour nach Brest. Im Gepäck u.a. wieder ganz viele liebevoll gepackte Pakete zur Übergabe an die umsorgten weißrussischen Kinder und Familien zur traditionellen Weihnachtsfeier.

Wir hatten eine sehr gute Fahrt, dieses Mal über Frankfurt/Oder.

Bei jeder Fahrt beschäftigt uns vor allem die Grenzabfertigung zu Weißrussland. Bearbeitungszeiten bis zu 20 Stunden und das nachdrückliche Gefühl, unerwünscht zu sein, sind für alle am Transport Beteiligte immer eine große emotionale und (nach schlafloser Nacht auf der Straße) auch physische Belastung.

Aber wir haben es doch immer geschafft, dass die Hilfsgüter ihr Ziel, die bedürftigen weißrussischen Familien, erreichten. Also wird es auch dieses Mal klappen!

Am 4. Januar nachts 3.30 Uhr Ankunft an der polnischen Außengrenze, es geht zügig durch die Instanzen.

Gegen 6 Uhr erreichen wir die weißrussische Grenze. Kein LKW auf dem Parkplatz, kein Fahrer im Terminal. Die Beamten hatten viel Zeit für uns. Wir meinten, deshalb schnell in Brest zu sein. Die wie jedes Jahr erlebten kleinlichen Abfertigungsmodalitäten waren wir gewöhnt und es schien, dass alles gut läuft.

Dann gab es erst mal eine lange, unverständliche Diskussion um den Kleinbus. Man  unterstellte uns u.a., das Begleitfahrzeug verkaufen zu wollen, und nachdem dieser Vorwurf nach langer Diskussion ausgeräumt war, vermutete man, wir würden das Fahrzeug auf der Rückreise zur Beförderung von Schmuggelgut nutzen! Welch absurde Behauptung!

Schließlich gabs doch ein OK, der Kleinbus und seine drei Insassen hatten alle Stempel für die Einreise nach Belarus.

Dann begann das eigentliche Drama. Die Einfuhr von zwei gebrauchten PKW-Reifen, sie standen ordnungsgemäß auf der Ladeliste, sei illegal und streng verboten. Wir verstehen das nicht, denn im Sommer hatten wir auch welche im Gepäck und es war erlaubt.

Das Schwierige an den vielen Schaltern der Grenz- und Zollverwaltung besteht auch in der Sprachbarriere. Ohne Russisch geht bei den Beamten nichts, wenn man Glück hat, wird manchmal auch englisch geantwortet. Wenn es sich, wie hier bei den Reifen, um eine komplizierte und folgenschwere Problematik handelt, ist natürlich eine sprachlich einigermaßen flüssige und verständliche Diskussion besonders wichtig.

Unser Russisch reicht fürs „normale“ Verhandeln und Klären; Mario Dittrich versucht   auf Englisch durch das kleine Schiebefenster bei der Schalterdame ein Einlenken zu erreichen. Umsonst.

Wir starten zwei Versuche für eine Einigung:

Erstens: Wie bieten die Zahlung einer Strafe an, egal wie hoch, wir wollen weiterfahren. Wird abgelehnt.

Zweitens: Wir bieten eine Erklärung an, dass wir bei der Ausreise diese Reifen wieder mit uns führen und mit nach Deutschland zurück nehmen. Dies müsste sich doch als Verpflichtung computertechnisch regeln lassen. Wird abgelehnt.

Viele andere Versuche folgen, wir beraten, diskutieren, frieren erbärmlich (es herrschen fast minus 20 oC), sind nach 19 Stunden Fahrt übermüdet. Eigentlich keine gute Ausgangsposition für diplomatisches Handeln.

Die Beamtin schob wütend das Fenster zu und ließ uns stehen. Ein anderer Beamter wurde beauftragt, ein besonderes Ausfahrtstor zu öffnen, damit wir wenden und nach Polen zurück fahren könnten.

Verschnaufpause im Café des Grenzgebäudes. Wir waren gewärtig, dass uns jemand aus dem Café rausholt und aus dem Grenzbereich ausweist.

Wir nehmen erneut Anlauf, mit Schalterbeamten ins Gespräch zu kommen. Verärgert und wütend über unsere Hartnäckigkeit erhalten wir folgendes Angebot:

„Fahren Sie mit dem LKW, in dem die Reifen sind, mit zwei Personen (Fahrer, Beifahrer) zurück, zwischen die weißrussische und die polnische Grenze, werfen Sie die Reifen über das Geländer der Grenzbrücke in den Bug und kommen Sie danach wieder her“.

Unsere spontane Antwort: Nein, das geht nicht. Das wäre nach unserer Überzeugung eine strafbare Handlung gewesen, und da dieser Bereich von weißrussischen und sicher auch polnischen Kameras überwacht wird, wären die Konsequenzen nicht auszudenken.

Zudem sollten nur zwei Leute es schaffen, die Reifen aus der Riesenmenge Stückgut auszusondern – bei einer Ladehöhe von vier Metern, es muss von oben nach unten entladen und gesucht werden, wir haben keine Leiter, es ist bitterkalt, es wird bald dunkel. Zudem mussten alle Teilnehmer unseres Hilfstransports immer zusammen bleiben, da wir ein Gruppenvisum hatten.

Das ist so nicht leistbar.

Wir versuchen weiter zu diskutieren und zu argumentieren – das Schalterfenster geht wieder zu.

Neuer Anlauf. Wir sind bereit, den aufwändigen Versuch einer Teilentladung vorzunehmen und bitten, dafür die benachbarte freie Rampe nutzen zu können. Unsere Bitte wird abgelehnt.

Wieder eine Idee: Wir fahren zurück nach Polen, auf einen Autohof, mit Technik und Leuten zum Unterstützen einer Teilentladung. Aber: Dafür braucht man Wiedereinreisepapiere für Polen und Belarus, gegen eine Sondergebühr, zu beantragen in Warschau.  Nicht machbar für uns.

Am Ende wurden wir zurück nach Polen ausgewiesen.

Die ganze Abfolge dieser Ereignisse war geprägt von absoluter menschlicher Kälte der weißrussischen Beamten uns und unserem Anliegen gegenüber. Ob wir hier in die Mühlen der großen Politik geraten waren kann man nur vermuten. Wir hätten es aber nicht für möglich gehalten, dass wir – die sich seit fast 25 Jahren dank der ehrenamtlichen und selbstlosen Unterstützung vieler deutscher Menschen aus unserer Region um krebskranke weißrussische Kinder bemühen – so vom weißrussischen Staat abgewiesen werden!

Reflexion zwei Tage später wieder in Greiz: Richtig ist, dass Gesetze beachtet und eingehalten werden müssen. Wir haben offenbar gegen ein uns nicht bekanntes und offensichtlich neues Gesetz verstoßen, aber nicht vorsätzlich (sonst hätten die Reifen nicht auf der Ladeliste gestanden), sondern in Unkenntnis.

Die Strafe, die Konsequenz des Handelns der weißrussischen Grenzbeamten steht in keinem Verhältnis zum verursachenden Gegenstand – die beiden gebrauchten Reifen haben einen Warenwert von ca. 50 €. Der wirtschaftliche Schaden für unseren Verein und die gedachten Empfänger der Hilfsgüter durch die Unterbindung unserer Hilfeaktion ist dagegen enorm, der ideelle Schaden nicht messbar, geradezu dramatisch. Dies spürt man vor allem auch aus den entsetzten Reaktionen unserer weißrussischen Partner.

Hinter jedem Stück Ladung in den zurückgewiesenen Containern stehen Menschen, die solidarisch, anteilnehmend, oft mit viel Herzblut diese Dinge gespendet haben. Kirchgemeinden, Schulklassen, Kindergärten, Initiativen verschiedener Organisationen, die Presse, die Bewegung der Lions, unsere Hauptsponsoren – ganz viele sind hier um den Wert ihrer Arbeit und ihres Einsatzes gekommen!

Ganz zu schweigen von den vielen hundert Stunden ehrenamtlicher Arbeit der Vereinsmitglieder um ihren Chef Ulrich Jetschke. All das diente nur dem gemeinnützigen Zweck, benachteiligten weißrussischen Kindern, Jugendlichen und oft ganzen Familien zu helfen.

Kirchgemeinden beteten vor und während des Transports für das Gelingen der Hilfe für Brest. Verhindert wurde ein großes Werk der Solidarität zwischen zwei Völkern. Anlass waren (angeblich) zwei gebrauchte Autoreifen – wer will die Vermutung ausschließen, dass sich ohne diese Reifen im Transportgut auch ein anderer Grund für das Einreiseverbot ergeben hätte?

Aber – wir blicken nach vorn. So schnell (und verlässlich) wie möglich wollen wir einen neuen Transportversuch nach Brest auf den Weg bringen. Immerhin sind unsere Ladebrücken zu einem guten Teil mit persönlichen Geschenken und vielen liebevoll gepackten Paketen an kranke weißrussische Kinder gefüllt.

Unser Verein hat sich sowohl an das Departement für humanitäre Tätigkeit beim Präsidenten der Republik Belarus in Minsk als auch an die weißrussische Botschaft in Berlin gewandt und, verbunden mit der Schilderung der Vorfälle, um Unterstützung gebeten. Hoffen wir auf Einsicht und darauf, dass auch zukünftig unsere Hilfstransporte seitens des weißrussischen Staates gewollt sind und zugelassen werden.

Wir bedanken uns nochmals und gerade jetzt bei allen Unterstützern, Spendern und Sponsoren und versichern, dass wir alles tun werden, um die geplanten Hilfsgüter nach Brest zu bringen.

(aufgeschrieben unter wesentlicher Nutzung der Erlebnisnotizen unserer Tourteilnehmers Gerhard Jalowski)

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